Warum man Bindehautentzündungen niemals selbst behandeln soll
Es gibt zwei gewichtige Gründe, bei jedem Verdacht auf Bindehautentzündungen den Augenarzt aufzusuchen:
Es leuchtet ein, daß jedes Medikament - auch ein "rezeptfreies" - falsch angewandt, großen Schaden anrichten kann. Dazu gehören ebenfalls Heilkräuter, von denen irrtümlich angenommen wird, mit ihnen ließe sich nichts falsch machen. So ist z.B. vor Augenkompressen aus Kamillen-Aufgüssen zu warnen. Bei den meisten Menschen rufen sie Allergien hervor.
Konjunktivitis - die mit Abstand am häufigsten auftretende Augenerkrankung - bedeutet, daß die Bindehaut auf einen Entzündungsreiz mit vermehrter Blutfülle (rotes Auge) sowie mit Absonderungen von Eiweißstoffen und weißen Blutkörperchen aus den Gefäßen reagiert. Der auslösende Entzündungsreiz trifft die Bindehaut bei der eigentlichen Konjunktivitis überwiegend aus der Umwelt; aber auch Reize aus der Lederhaut, der Hornhaut, der Regenbogenhaut und aus den Lidern führen zu einer Bindehautentzündung. Nur der Augenarzt kann die vergleichsweise harmlosen Entzündungen, die sich auf die Bindehaut konzentrieren, von Rötungen der Bindehaut unterscheiden, die ein Warnzeichen für eine schwerwiegende Augenerkrankung sind.
Die subjektiven Beschwerden äußern sich in Augenbrennen, Jucken, Kratzen, Fremdkörpergefühl - etwa wie Sandkörner, die bei jedem Lidschlag reiben. Oft sind morgens die Lider verklebt. Durch Schleimfäden und Sekret auf der Hornhaut kommt es gelegentlich auch zu geringfügigen Sehstörungen, die aber mit der Reinigung des Auges verschwinden. Objektive, für den Laien sichtbare Zeichen sind Schwellung der Bindehaut - manchmal auch der Lider - und evtl. die wäßrigen, schleimigen oder eitrigen Absonderungen, die das morgendliche Verkleben bewirken.
Das auffälligste Merkmal, die stärkere Rötung des Auges, sollte nie dazu verleiten, ausschließlich an eine Bindehautentzündung zu denken; denn das "Rote Auge" ist Warnzeichen vieler Augenerkrankungen.
Hornhautverletzungen, die der Betroffene u.U. gar nicht wahrgenommen hat, z.B. wenn ein Fremdkörper keine Schmerzen verursacht, sehen Laien sehr häufig als harmlose Bindehautentzündung an. Auch bei einem akuten Glaukom-Anfall - einer plötzlichen Steigerung des Augendrucks - denken manche Patienten zunächst an Konjunktivitis. Dieser besonders verhängnisvolle Irrtum kann Sie das Sehvermögen kosten, weil es nur durch eine sofortige augenärztliche Behandlung zu retten ist.
Hauptsächlich aber sind es Entzündungsprozesse in anderen Bereichen des Auges, die bei der Eigendiagnose sehr leicht mit Reizungen der Bindehaut verwechselt werden, wie z.B. Infektionen der Hornhaut, der Regenbogenhaut, der Lederhautoberfläche oder ihrer tieferen Schichten, der Augenmuskeln, des den Augapfel umgebenden Bindegewebes oder auch der Augenlider.
Warnzeichen, die dem Betroffenen signalisieren, daß er nicht allein an einer Bindehautentzündung leidet, sondern mit Wahrscheinlichkeit an einer ernsthafteren Augenerkrankung: deutliche Sehverschlechterung, tiefer liegende Augenschmerzen, einseitige Pupillen-Veränderung, sektorförmige Rötung der Bindehaut. Jedes einzelne dieser Symptome ist ein Alarmsignal, keine Zeit zu verlieren und sofort den Augenarzt aufzusuchen.
Die subjektiven und die für den Laien erkennbaren objektiven Symptome sind bei allen Erscheinungsformen der Bindehautentzündung gleich oder sehr ähnlich, so daß sie allein keinen Aufschluß über die jeweilige Ursache geben.
Akute Bindehautentzündungen durch Bakterien oder Pilze sind heute relativ selten geworden. Ihre Bekämpfung gelingt meist mit Breitband-Antibiotika. Bei der weniger rasch bis chronisch verlaufenden Infektion mit Chlamydien - das sind sehr kleine, sich nur innerhalb lebender Zellen vermehrende Bakterien, die sich nicht nur in der Bindehaut, sondern in allen Schleimhäuten aufhalten - muß nicht nur der Erkrankte, sondern auch sein Partner, zu dem er intime Kontakte pflegt, mitbehandelt werden, damit die Infektionskette unterbrochen wird. Die Therapie ist konsequent und über mindestens 3 Wochen durchzuführen, denn nur unter dieser Voraussetzung kann die chronische Bindehautentzündung mit den Riesenfollikeln (Ansammlung von weißen Blutkörperchen) abheilen. Das ist auch deshalb wichtig, weil bei Verschleppen dieser Erkrankung Dauerschäden an der Hornhaut und der Innenseite des Oberlides drohen.
Die häufigeren viralen Bindehautentzündungen, von denen die meisten nach kurzer Zeit von allein heilen, treten oft in Verbindung mit "grippalen Infekten" und gleichzeitiger Reizung benachbarter Schleimhäute auf (Schnupfen, Husten u.a.). Bestimmte Erreger (Adenoviren) sind sehr ansteckend und können außerdem nicht nur die Bindehaut, sondern auch die Hornhaut befallen. Von diesen verschiedenen Erreger-Typen lösen einige eine epidemische Konjunktivitis aus. Charakteristisch für sie ist, daß der in Nasennähe liegende Teil der Bindehaut am stärksten betroffen wird und vielfach ein samtig-dunkelrotes Aussehen hat. Weil Bindehautreizungen unangenehm jucken, wischen und reiben die Patienten an ihren Augen und geben so die Virusinfektion an Familienmitglieder und Arbeitskollegen weiter. Wegen der großen Ansteckungsgefahr ist auf besonderes sorgfältige persönliche Hygiene zu achten, jeder körperliche Kontakt und natürlich auch das Benutzen gemeinsamer Handtücher etc. ist zu vermeiden. Erkrankte Kinder müssen von anderen ferngehalten werden, bis der Augenarzt den Kindergarten- bzw. Schulbesuch wieder erlaubt.
Epidemica
epidemische Bindehautentzündung
Auch in der Augenarztpraxis erfordert jeder Verdacht auf "Epidemica" besondere Sicherheitsvorkehrungen. So wird der Patient sofort von den anderen Patienten abgesondert und möglichst bald vom Augenarzt angesehen. Der Augenarzt beschränkt sich darauf, die störenden Symptome wie Juckreiz, Brennen u.s.w. zu lindern. Eine spezifische Therapie gegen Adenoviren gibt es leider zur Zeit noch nicht. Trotzdem ist es unerläßlich, den Augenarzt bei Verdacht auf eine infektiöse Bindehautentzündung aufzusuchen, denn auch eine schwere Herpesentzündung der Hornhaut, die Keratitis dendritica, kündigt sich zunächst als Konjunktivitis an. Wer in diesem Fall zur Selbstbehandlung schreitet oder gar kortisonhaltige Augenmedikamente verwendet, bringt sein Auge in große Gefahr.
Zu der bekanntesten Form der allergischer Bindehautentzündungen zählen Heuschnupfen-Konjunktivitis, Frühjahrs-Konjunktivitis und die Konjunktivitis bei endogenen Hautekzemen, also solchen, die nicht auf äußere Einflüsse zurückzuführen sind. In allen Fällen handelt es sich um langwierige Entzündungen, die aber mit modernen Behandlungsmethoden sowie mit Disziplin und Konsequenz seitens des Patienten durchweg befriedigend beherrscht werden können. Während bei der Heuschnupfen-Konjunktivitis die Zusammenarbeit mit einem Allergologen zur evtl. Desensibilisierung sinnvoll ist, hat eine solche Maßnahme bei der Frühjahrs-Konjunktivitis und bei der Konjunktivitis der Ekzematiker erfahrungsgemäß keine Erfolgsaussicht. Die therapeutische Kunst des Augenarztes besteht bei diesen letztgenannten eher chronischen Bindehautentzündungen darin, den Patienten mit einem Minimum an wirksamer Therapie beschwerdefrei zu halten, ohne unerwünschte Nebenwirkungen zu riskieren. Der Patient sollte verstehen, daß es sich bei dieser Erkrankungsgruppe um sog. konstitutionelle Leiden handelt, die therapeutisch wirksam gemildert, aber nicht vollständig ausgeheilt werden können, da die Veranlagung ererbt und unveränderlich ist.
Diese Art der Bindehautentzündung tritt am häufigsten auf. Auslöser sind Umwelteinflüsse wie Rauch, Staub, Zugluft u.s.w. Vor allem Autofahrer leiden oft unter Bindehautreizungen, die sich jedoch vermeiden lassen, wenn sie darauf achten, daß der Strahl des Gebläses nicht auf ihren Kopf gerichtet ist. Eine weitere Ursache können Störungen des Tränenfilms sein, der die Augapfeloberfläche und damit auch die Bindehaut vor Umweltreizen schützt. Gerät die Tränenfilm-Zusammensetzung aus dem Gleichgewicht - z.B. bei Anwendung von Augentropfen oder -salben ohne augenärztliche Verordnung - geht seine Schutzfunktion verloren. Kein Wunder also, daß dann die Bindehaut schon auf kleinste Reize mit Entzündungen reagiert.
Hier muß man unterscheiden zwischen vermeidbaren und unvermeidbaren Behandlungsfolgen. Unvermeidbar ist bei manchen Patienten die Entwicklung einer allergischen Reaktion (Kontaktallergie). In der Regel ist dabei nicht nur die Bindehaut entzündet. Das mit den Tränen auf die Lidhaut gelangende Allergen - die Substanz, die der Körper mit eigenen Abwehrstoffen bekämpft - führt zu einem begleitenden Kontaktekzem der Lider, wodurch der allergische Charakter der Konjunktivitis eindeutig erkennbar wird.
Hier hilft nur das Weglassen der Augentropfen oder -salben, die einen Bestandteil enthalten, der bei dem Patienten eine Allergie hervorruft. Durch bestimmte Testverfahren kann der Allergologe das verantwortliche Allergen ermitteln. Er stellt einen Allergie-Paß aus, den der Patient seinem Augenarzt vorlegt. Dank der Vielzahl der zur Verfügung stehenden Medikamente kann der Augenarzt dann ein Präparat verschreiben, das die gleiche Wirkung, aber eine für den Patienten verträgliche Zusammensetzung hat. Vermeidbar und deshalb für Patient und Augenarzt ärgerlich ist hingegen die Konjunktivitis, die durch längeren Gebrauch gefäßverengender Augentropfen verursacht wird. Sehr viele dieser als Konjunktivitismittel rezeptfrei angebotenen Präparate enthalten derartige Stoffe (Vascoconstrictiva).
Zwar sind sie bei kurzfristiger Anwendung meist harmlos; benutzt man sie aber über längere Zeit, so kommt es nach Abklingen der gefäßverengenden Wirkung zu einer immer stärker werdenden reaktiven Durchblutungsfülle der Bindehautgefäße - also einer starken Rötung, die wiederum zu noch häufigerem Gebrauch solcher Tropfen verleitet. Diesem Teufelskreis entrinnt man nur durch konsequentes ersatzloses Weglassen aller gefäßverengenden Mittel.
Der Patient muß akzeptieren, daß die Bindehäute viele Wochen verstärkt gerötet bleiben, bis sich die Gefäße an den Entzug der Vascoconstrictiva gewöhnt haben und sich allmählich wieder normalisieren.
Eine "physiologische", das bedeutet "normale" Bindehautentzündung, ist eine typische Erscheinung bei Kindern und jungen Leuten. Im Laufe des Lebens wird die Bindehaut verschiedenen Erregern und Reizstoffen ausgesetzt, ohne jedes Mal im eigentlichen Sinne zu erkranken. Beim erstmaligen Kontakt erfolgt aber nicht selten eine leichte Reaktion in Form von Bildung kleiner Lymphfollikel als Zeichen dafür, daß die immunologische Körperabwehr gegen diese Reize mobilisiert wurde. Einige Menschen bilden aufgrund einer anlagebedingten Besonderheit mehr Lymphfollikel als der Durchschnitt. Solche noch normalen "follikulären Bindehautentzündungen" bei Kindern und jungen Erwachsenen müssen deshalb von Bindehautentzündungen mit Krankheitswert unterschieden werden. so wird der Augenarzt bei dieser Form der Konjunktivitis nach Möglichkeit keine Medikamente verordnen, sondern lediglich ihren Verlauf kontrollieren.
Es ist durchaus möglich, daß einem Patienten, der sich wegen einer hartnäckigen Lid- und Bindehautentzündung erstmals zum Augenarzt begibt, kein Medikament, sondern eine Brille verordnet wird. Ohne es zu wissen, litt er an einem Brechungsfehler, einer Übersichtigkeit, deren Überwindung ihm auf die Dauer Schmerzen bereitete. Durch unwillkürliches Reiben und Wischen sorgte er selbst dafür, daß die Entzündung erst richtig in Gang kam. Ihm kann mit einer Brille ebenso geholfen werden, wie jenen Patienten, bei denen der Augenarzt einen verborgenen Stellungsfehler, ein sogenanntes latentes Schielen, aufdeckt.
Keine Augenerkrankung ist so harmlos, daß man sie selbst behandeln kann.
Ihr Augenarzt nimmt Ihre Beschwerden ernst und hat immer Zeit für Sie.
©1993 BVA + DOG
Stand: 05.09.98
